Kugelsicher
Als sich nach seinem gelungenen Einstand beim VfL Bochum 1848 alles auf ihn stürzte, sprach Lewis Holtby Klartext. Er möchte nicht nur über sich reden, schließlich spiele er kein Tennis. Auch nicht für dieses Portrait. Vielmehr nimmt er es mit drei Kugeln auf – und fordert einen sechsfachen Europameister heraus, der für den erfolgreichsten Sportverein Bochums reihenweise Titel einfährt.
Ein gutes Dutzend Schaulustiger hat sich in Bochum-Weitmar eingefunden, um den Senkrechtstarter in Augenschein zu nehmen. Lewis Holtby trifft gerade an der vielleicht bedeutsamsten Stätte des deutschen Billards ein, denn der DBC gilt als der FC Bayern des Karambolsports. Vielmehr noch: Die Weitmarer standen in der Vorsaison im Finale der Champions League. 20 deutsche Meisterschaften hat der Verein gewonnen, die Einzeltitel der Spieler kann längst niemand mehr zählen. Eines der Aushängeschilder ist Fabian Blondeel. Der 44-Jährige bringt es unter anderem auf sechs EM-Titel und zwei WM-Triumphe im Mannschaftswettbewerb. Für Holtby eine willkommene Herausforderung.
„Mit Christoph Moritz habe ich mir beim Poolbillard heiße Duelle geliefert“, plaudert Lewis schnell aus dem Nähkästchen. „Wir hatten auf Schalke einen Billardtisch, den wir zwischen den Einheiten gerne aufgesucht haben.“ Glauben wir ihm sofort – auch wenn heute Karambol, eine Billard-Variante mit drei Kugeln und ohne Löcher im Tisch, auf dem Programm steht. Nur korrigierend greift der sechsfache Europameister Fabian Blondeel ein, der dem 25 Jahre jüngeren Fußballer gerade das fachgerechte Kreiden der Queuespitze zeigt. Dann geht es weiter: Gezeigt bekommt Lewis jetzt den Nachläufer, „ein Stoß, bei dem der Spielball dem Zielball nach der Karambolage noch eine gewisse Distanz folgt“, wie es im Lexikon heißt. Der 19-Jährige braucht zunächst etwas, bis die Kugeln wie an der Schnur gezogen ihre erhoffte Fährte einschlagen. „Schlecht gekreidet oder mangelndes Talent?“, will der Mittelfeldspieler wissen, doch Blondeel beschwichtigt: „Nein, Talent ist vorhanden – kein Zweifel!“
Von Null auf Hundert
Fußballfans würden das blind unterschreiben. In geradezu rasantem Tempo avancierte der gebürtige Erkelenzer vom verkannten Talent zum Hoffnungsträger eines ganzen Vereines. Ende 2007 feierte Holtby als 17-Jähriger bei Alemannia Aachen sein Debüt im bezahlten Fußball, nachdem er in der Jugend von Borussia Mönchengladbach noch durchs Raster fiel. Seiner Karriere sollte diese Abfuhr nicht schaden: Nur wenige Jahre danach buhlte ein gutes Dutzend ambitionierter Bundesliga-Vereine um die Dienste des kreativen Mittelfeldspielers, der die Alemannia mit acht Toren und zehn Vorlagen in der vergangenen Spielzeit auf den undankbaren vierten Platz führte. Zu wenig für Holtby, den es in die Beletage des deutschen Fußballs zog. Nach zähem Ringen bekam der FC Schalke 04 den Zuschlag.
„Unglaublich“, blickt Lewis auf die vergangenen zweieinhalb Jahre zurück, „bisher ist meine Karriere das Abenteuer schlechthin. Ich genieße jeden Tag, an dem ich das erleben darf.“ Auch auf internationaler Bühne durfte Holtby sich austoben, als er mit der deutschen U20 bei der Weltmeisterschaft in Ägypten 2009 erst im Viertelfinale nach Verlängerung an Brasilien scheiterte. Und das trotz des Führungstreffers von Holtby, der kurz vor dem Turnier als bester deutscher Nachwuchsspieler mit der Fritz-Walter-Medaille ausgezeichnet worden war. Damit befindet er sich in illustrer Gesellschaft, denn vor ihm durften sich unter anderem Toni Kroos, Benedikt Höwedes, Dennis Diekmeyer oder Marko Marin diese Auszeichnung umhängen lassen. „Auf der Internetseite des DFB habe ich oft sehen müssen, dass ich nicht nominiert worden bin. Das hat mich noch mehr angespornt“, so Lewis, der für Deutschland erstmals in der U18 auflief. „Die Medaille zeigt mir, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat. Trotzdem“, und dieser Nachsatz ist charakteristisch für den bodenständigen Holtby, „wäre ich ohne meine Mannschaftskollegen nicht da, wo ich heute bin.“
Viel mehr als nur Glück
Gutes Stichwort. Nach wie vor lauscht Lewis gespannt den Ausführungen von Fabian Blondeel, dem sechsfachen Europameister. Als trickreicher Mittelfeldwuseler will Holtby natürlich auch am Billardtisch glänzen, deshalb soll Blondeel ihm etwas aus der Trickkiste beibringen. Der 44-jährige platziert ein Münzstück auf der Kante und stellt ein handelsübliches Wasserglas dahinter auf den Rahmen des Tisches. Durch einen gezielten Stoß soll die Kugel so an die Bande gespielt werden, dass die Münze von der Kante ins Glas hüpft. Lewis soll vorlegen, bleibt in seinen ersten beiden Versuchen jedoch glücklos. „Machen Sie das mal vor“, bittet der 19-Jährige den begeisterten VfL-Anhänger Blondeel, „vielleicht geht das ja gar nicht!“. Tatsächlich tritt der allseits gefürchtete Vorführeffekt ein, denn auch der Europameister müht sich vergeblich. Während manch anderer jetzt aufgegeben hätte, packt Holtby jetzt endgültig der Ehrgeiz. Er setzt zum neuerlichen Versuch an. Kugel und Ziel scharf anvisiert, das Queue mit voller Kraft nach vorne geschoben und – Volltreffer!
Mit seinem Wechsel zum VfL traf Holtby ebenfalls voll ins Schwarze. Im Wunderland wähnte sich der 19-Jährige nach seinem Debüt gegen Leverkusen, weil er endlich wieder über die volle Distanz gehen durfte und sich überhaupt sehr gut fühlt beim VfL. „Ich bin in einer guten Phase hergekommen. Es läuft sehr ordentlich bei uns“, weiß Holtby. „Das hat meine Integration zusätzlich vereinfacht.“ Der Wechsel des ballsicheren – heute besser kugelsicheren – Jungtalentes löste mancherorts Erstaunen aus. Ob der Transfer nicht ein Rückschritt sei? Lewis entkräftet vehement: „Nein! Ich habe nicht einen Schritt zurück, sondern drei nach vorn gemacht.“ Mit Heiko Herrlich trifft Lewis Holtby beim VfL indes auf einen seiner größten Förderer aus DFB-Zeiten. „Der Trainer hat mir bei der Junioren-Nationalmannschaft immer wieder neues Selbstvertrauen gegeben und großen Anteil an meinem Aufschwung“, weiß Holtby, der beim Aufzählen der Vorzüge unseres Trainers geradezu ins Schwärmen gerät. „Er hat die richtige Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß, sein taktisches Repertoire ist riesengroß. Ich habe gehörigen Respekt vor ihm.“
Familie als Gegengewicht
Den hat er natürlich auch vor seinen Eltern. Unter der Leitung von Mutter und Vater jagte Lewis bei seinem ersten Verein Grün-Weiß Sparta Gerderath dem Leder hinterher. Später nahmen sie Fahrten von mehreren hundert Kilometern in Kauf, um ihren Sprössling zum Training oder zu den Spielen zu begleiten. „Meinen Eltern bin ich unendlich dankbar. Ohne sie hätte ich es nie geschafft“, schickt der sympathische Rheinländer ein großes Dankeschön nach Gerderath. „Sie, meine Freunde, meine Freundin – alle helfen mir, das Gleichgewicht zwischen Fußball und Realität zu halten.“
Auch beim Billard will der Gleichgewichtssinn geschult sein. Mit den Knien hockt Lewis auf der Bande und versucht, sich mit steil angewinkeltem Queue aus der spielerischen Umklammerung zu befreien. Für den Youngster ausnahmsweise eine kaum zu lösende Aufgabe. Wenige Millimeter reichen, um den Stoß hoffnungslos zu versemmeln. Am Ende hat es nicht ganz geklappt, insgesamt aber hat Lewis sich hervorragend verkauft. Das bescheinigen ihm auch seine Trainer, zu denen sich neben Fabian Blondeel mit Thomas Nockemann zwischenzeitlich ein weiterer Europameister gesellt hat. Christoph Moritz sollte sich schon mal warm anziehen.
Erschienen in “Mein VfL”, Ausgabe 13, Saison 2009/10.