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Das Phänomen Lena Meyer-Landrut

Es ist nicht einfach, sie nicht zu lieben. Wobei „lieben“ ein sehr großes Wort ist für eine Person, die man nur aus dem Fernsehen kennt. Aus dem Kollektivgedächtnis der Deutschen ist Lena Meyer-Landrut jedenfalls nicht mehr wegzudenken. Nur bei Microsoft scheint man geschlafen zu haben: Mein Wörterbuch in Word würde aus dem zweiten Teil ihres Nachnamens gerne „Landrat“ machen. Typisch deutsch.

Individualität erwünscht

Die Unwissenheit meines Programms liegt ausnahmsweise nicht an bequemen Entwicklern aus Redmond, sondern an der Schnelllebigkeit des Showgeschäfts. Noch Ende Januar kannte niemand dieses damals 18-jährige Mädchen, das sich gleich mit ihrem ersten Auftritt bei „Unser Star für Oslo“, der Castingshow von Stefan Raab respektive Pro7 und ARD, in die Seelen der Zuschauer sang. Die Frage, die ich mir seither stelle ist: Warum scheinen die „richtigen“ Talente zu Raab zu gehen und nicht zu Bohlen, dem selbsternannten Onkel? Die Antwort ist schnell gefunden: Bei Raabs Sendungen geht es um Musik, Individualität ist zudem ausdrücklich gewünscht – weg vom Gleichgeschalteten der Wettbewerber, den Fokus weg von Äußerlichkeiten.

Der Zufall wollte es so

Auffällig: Während die vergangene DSDS-Staffel und ihre Berichterstattung ständig um die Skandälchen seiner Protagonisten kreiste wie eine Fliegenarmada um Analextrakte, verschwanden die zwischenzeitlich „aufgedeckten“ Ausflüge von Lena-Meyer Landrut in die Unterschichtenunterhaltung ungewöhnlich schnell aus den Medien – nein, aus diesem einen Medium –, und auch aus dem Bewusstsein der Deutschen. Im Vordergrund stand immer die Musik und sie als die „andere“ Sängerin, die vor allem für die Medien längst nicht so einfach handhabbar ist wie ihre glattgebügelten „Kollegen“, die dem RTL-Format zwar entsprangen, aber niemals entwachsen konnten. Meyer-Landrut, die bei DSDS wahrscheinlich nicht mal die Mottoshows erreicht hätte und auch eher zufällig bei „USFO“ landete, hat ihren eigenen Kopf. Und scheint vor allem auf der Bühne in eine eigene Welt abzudriften.

Freiheit ist (k)ein Ort

Der Grund, warum Millionen Deutsche derart euphorisiert oder verzaubert sind beim Anblick der 19-Jährigen? Vielleicht, weil sie sich selbst in diese Traumwelt sehnen, fernab von jeglicher Normalität und vor allem der Angepasstheit, die uns anerzogen worden ist. Lena Meyer-Landrut scheint den riesigen und kaum greifbaren Begriff „Freiheit“ tatsächlich zu leben. Zumindest auf der Bühne, dem einzigen Ort, an dem wir sie kennen und kennen dürfen.