Gegen das Vergessen

“Menschen ändern sich nie, nur der Ort und der Tag.” Schöner Satz. Aber was bedeutet er?

Ich bin gestern über alte Familienvideos gestolpert. Ihr wisst schon, diese Bänder die man macht, weil man glaubt, zeithistorisch relevante Ereignisse wie Geburtstage der Tante für die Nachwelt festhalten zu müssen. Ziemlich erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass sich ausser Ort und Tag eben auch die Menschen verändert haben. Manche sind mitterweile verstorben, viele andere sind fülliger geworden, und wirklich allen ist ihr fortgeschritteneres Alter anzumerken. Eine Erkenntnis, die verwirren kann. Ich jedenfalls saß gestern da und fragte mich erschrocken, wie es dem Zahn der Zeit möglich war, innerhalb der letzten 16 Jahre derart an uns zu nagen. Man selbst sieht so etwas nicht, man wächst ja quasi mit sich und seiner Umgebung mit.

Quervergleiche lassen sich nur ziehen, wenn man Fotos (oder eben jene Videos) aus früheren Tagen hat – und wenn man noch eine Bindung zu den Personen hat, um zwischen damals und heute vergleichen zu können. In anderen Fällen bleibt nur die eine Erinnerung. Momentan gefalle ich mir darin, die Vergangenheit zu verklären. Das ist keine bewusste Entscheidung, vielmehr so ‘ne Art Reflex, eine Reaktion auf einen schlechten Moment. In meinem Kopf ist noch nicht vorgedrungen, dass es mich nicht weiterbringt, diese Erinnerungen wie alte Familienvideos hervorzukramen . Denn während letztere konkret sind – einmal direkt vor Augen haben und danach wieder lange Jahre vergessen – schwirren anhaltslose Gedanken jahrelang ungefiltert im Kopf herum. Schreiben bringt da auch nix. Nein, ich kann nicht vergessen.

Möglicherweise ist das gut so. Es war ja nie _alles_ schlecht, im Gegenteil. Nur das Ende ist meistens scheiße, doch das kann man beim Schnitt ausblenden. Man verklärt. Und doch bleibt bei jedem neuerlichen Selbstbetrug dieses diffuse Gefühl, dass da etwas nicht stimmen könnte mit den eigenen Erinnerungen an bessere (?) Tage. Dieser Widerspruch macht es  schwierig zu vergessen. Vielleicht. Vielleicht ist es auch der Wunsch nach einem Signal, nach einem deutlichen Ende. Am besten im beiderseitigen Einvernehmen. Dabei könnte es schon jetzt kaum deutlicher sein. Bleibt nur die Frage, warum man dann nicht seinen Frieden damit schließen kann. Irgendwas muss da noch sein in diesem schwebenden Verfahren.

Die Suche geht also weiter. Der Versuch zu vergessen auch.

“Ich dacht’, die Last ist zu groß, dachte ich kann nix tun,
ich bin verbrannt an meiner eigenen Glut,
und hab gehofft, dass sie von selbst erlischt, dass ich jetzt älter bin
und merk’, dass ihr den Brand nicht legt, sondern dass ich es selber bin”

[Donato - "Neuer Tag" (unveröffentlicht und unvollendet)]

0 Responses to “Gegen das Vergessen”


  • No Comments

Leave a Reply