Hallo Leute,
bedenkt man, dass meine musikalische Sozialisation in den dancefloorgeschwängerten 90ern stattfand, stelle ich eine bemerkenswerte Entwicklung fest: Handgemachte Musik ist derzeit der Shit überhaupt. Unvorstellbar eigentlich, wenn man sich anschaut, was im Prä-Milleniumsjahrzent so für Schund in den Playern rotierte. Ein paar Beispiele gefällig? Das bezaubernde „Blümchen“, der ehemalige Breaker „DJ Bobo“, die Buschveteranen von „2Unlimited“, der Dompteur Captain Jack. Oder die mit ihrem quietschgelben Bus durch die Weltgeschichte reisenden Holländer „Vengaboys“, denen für ihr Gefährt hier nicht mal eine Abwrackprämie gezahlt worden wäre, weil die Schrottpresse vorher mutwillig ihren Dienst verweigert hätte. Bähh. War halt so.
Seit ein paar Jahren aber ist alles anders, und ich möchte behaupten, dass die Rückkehr zu alten Ufern mitunter einem schrecklichen Phänomen geschuldet ist: Tokio Hotel nämlich. Nur: Spricht irgendwer noch von ihnen, gar im musikalischen Kontext? Eher nicht. Was aber machen deren Fans, während sich ihre Lieblinge mit dem schönen Geld ein noch schöneres Leben machen? Sie upgraden ihren Geschmack und pfeifen sich den „echten“ Kram rein. Auch hier diene ich wieder als Beispiel: Ich hielt Dr. Alban im zarten Alter von sieben Jahren für Hiphop, sah aber irgendwann, dass sich Cypress Hill diesen Titel doch eher verdient haben. Was ich sagen will: Ein Einstieg mit vermeintlich peinlicher Musik muss keine Langzeitschäden hervorrufen.
Interessant auch, wie schnell vormals „undergroundige“ Musik massenkompatibel wird. Das derzeit wohl prominenteste Beispiel ist das Familienunternehmen (drei Brüder und deren Cousin) „Kings of Leon“, das mit „Sex on Fire“ und ihrer aktuellen Single „Use Somebody“ seit ein paar Monaten sogar im eigentlich recht spießigen WDR2 läuft. Auch ich finde die Band geil – nicht, weil sie bei WDR2 laufen und ich alterstechnisch fast zur Senderzielgruppe gehöre, sondern weil die Musik der Knaller ist. In diesem Moment (01:25 Uhr) läuft ein Konzert von denen im WDR, und auch live machen die Amis einfach Laune.
Vielleicht habt ihr irgendwann ein paar Songs von denen gehört, und vielleicht ist euch dann auch die Stimme des Leadsängers im Ohr haften geblieben. Habt ihr euch vorgestellt, wie er aussehen könnte? Ich jedenfalls stellte mir einen dickbäuchigen, langhaarigen, ungepflegten Unterhemdrüpel ala Meat Loaf vor – irgendwoher muss das Stimmvolumen ja herrühren. Pustekuchen! Der Leadsänger könnte, Rasierapparat, Stylisten und Makeup-Artists vorausgesetzt, glatt aus einer Boyband stammen. Ich übrigens auch.
Schaut man sich die Zuschauer auf diesem Konzert an, stellt man fest, dass viele jüngere Leute am Start sind. Jedenfalls mal so gar nicht das klassische WDR2-Publikum. Zahnspangenmädchen, den Sänger anschmachtend, mitklatschend. Vermutlich wissen die meisten von ihnen nicht einmal, dass die Band schon vier Alben in der Discographie stehen hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Followills nicht das amerikanische Tokio Hotel werden – denn dann wären sie hierzulande vermutlich genauso schnell wieder verschwunden. Eines jedenfalls ist gewiss: Der nächste Trend kommt bestimmt. Voraussichtlich im dritten Quartal 2009.
Beste Grüße,
Donato