Monthly Archive for März, 2009

Donato rezensiert: Absztrakkt – Das Buch der drei Ringe

Hallo Leute,

Ich bekomme den Mund nicht mehr zu. Und nicht, weil ich derzeit als überdurchschnittlich gut gebuchte 400 EUR-Kraft im von der Finanzkrise gebeutelten horizontalen Gewerbe aushelfe, sondern weil mein hochgeschätzter Kollege Absztrakkt sein zweites Album mit dem Titel “Das Buch der drei Ringe” vorlegt. Unverhofft, still und heimlich.

Zugegeben: Rap fesselt mich seit einiger Zeit nur noch bedingt. Und ich sage das nicht – wie von manchen “Szenekennern” allgemeinhin spekuliert – weil es “cool” ist, als Rapper kein Rap zu hören, sondern weil ich mir von gleichgeschaltetem Müll nicht die Woche verderben lasse. Selbstverständlich gilt dies nicht für meinen Lieblingslüdenscheider. Und was soll ich sagen: “Das Buch der drei Ringe” ist das geilste Album seit… ich hab keine Ahnung. Wahrscheinlich seit “Dein Zeichen”.

Diese Kombination Absztrakkt / Roey Marquis, die auch dieses Album hier dominiert, ist einfach der Hammer; selten zuvor haben Rapper und Producer derart harmoniert. Lyrisch bekommt man einen fokussierten Absztrakkt, der auf 18 Tracks einen F*** auf alle denkbaren Konventionen gibt und einfach sein Ding macht. Dabei raus kommen wundervoll düstere, philosophische und vor allem ehrliche Songs, in denen er meine Erwartungen mehr als erfüllt. Was rede ich um den heißen Brei: Verdammt nochmal, DAS IST RAP!

PS.: Einen kleinen Haken hat die Sache jedoch für alle Sammler unter euch: Das Ding ist lediglich als Download erschienen.

Musikalische Sozialisation oder: Wie sich Tokio Hotel in die Kings of Leon verwandelten

Hallo Leute,

bedenkt man, dass meine musikalische Sozialisation in den dancefloorgeschwängerten 90ern stattfand, stelle ich eine bemerkenswerte Entwicklung fest: Handgemachte Musik ist derzeit der Shit überhaupt. Unvorstellbar eigentlich, wenn man sich anschaut, was im Prä-Milleniumsjahrzent so für Schund in den Playern rotierte. Ein paar Beispiele gefällig? Das bezaubernde „Blümchen“, der ehemalige Breaker „DJ Bobo“, die Buschveteranen von „2Unlimited“, der Dompteur Captain Jack. Oder die mit ihrem quietschgelben Bus durch die Weltgeschichte reisenden Holländer „Vengaboys“, denen für ihr Gefährt hier nicht mal eine Abwrackprämie gezahlt worden wäre, weil die Schrottpresse vorher mutwillig ihren Dienst verweigert hätte. Bähh. War halt so.

Seit ein paar Jahren aber ist alles anders, und ich möchte behaupten, dass die Rückkehr zu alten Ufern mitunter einem schrecklichen Phänomen geschuldet ist: Tokio Hotel nämlich. Nur: Spricht irgendwer noch von ihnen, gar im musikalischen Kontext? Eher nicht. Was aber machen deren Fans, während sich ihre Lieblinge mit dem schönen Geld ein noch schöneres Leben machen? Sie upgraden ihren Geschmack und pfeifen sich den „echten“ Kram rein. Auch hier diene ich wieder als Beispiel: Ich hielt Dr. Alban im zarten Alter von sieben Jahren für Hiphop, sah aber irgendwann, dass sich Cypress Hill diesen Titel doch eher verdient haben. Was ich sagen will: Ein Einstieg mit vermeintlich peinlicher Musik muss keine Langzeitschäden hervorrufen.

Interessant auch, wie schnell vormals „undergroundige“ Musik massenkompatibel wird. Das derzeit wohl prominenteste Beispiel ist das Familienunternehmen (drei Brüder und deren Cousin) „Kings of Leon“, das mit „Sex on Fire“ und ihrer aktuellen Single „Use Somebody“ seit ein paar Monaten sogar im eigentlich recht spießigen WDR2 läuft. Auch ich finde die Band geil – nicht, weil sie bei WDR2 laufen und ich alterstechnisch fast zur Senderzielgruppe gehöre, sondern weil die Musik der Knaller ist. In diesem Moment (01:25 Uhr) läuft ein Konzert von denen im WDR, und auch live machen die Amis einfach Laune.

Vielleicht habt ihr irgendwann ein paar Songs von denen gehört, und vielleicht ist euch dann auch die Stimme des Leadsängers im Ohr haften geblieben. Habt ihr euch vorgestellt, wie er aussehen könnte? Ich jedenfalls stellte mir einen dickbäuchigen, langhaarigen, ungepflegten Unterhemdrüpel ala Meat Loaf vor – irgendwoher muss das Stimmvolumen ja herrühren. Pustekuchen! Der Leadsänger könnte, Rasierapparat, Stylisten und Makeup-Artists vorausgesetzt, glatt aus einer Boyband stammen. Ich übrigens auch. ;)

Schaut man sich die Zuschauer auf diesem Konzert an, stellt man fest, dass viele jüngere Leute am Start sind. Jedenfalls mal so gar nicht das klassische WDR2-Publikum. Zahnspangenmädchen, den Sänger anschmachtend, mitklatschend. Vermutlich wissen die meisten von ihnen nicht einmal, dass die Band schon vier Alben in der Discographie stehen hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Followills nicht das amerikanische Tokio Hotel werden – denn dann wären sie hierzulande vermutlich genauso schnell wieder verschwunden. Eines jedenfalls ist gewiss: Der nächste Trend kommt bestimmt. Voraussichtlich im dritten Quartal 2009.

Beste Grüße,
Donato

Donato rezensiert: Cassandra Steen – Darum Leben Wir

Wie heißt es so schön: Don’t throw stones if you live in a glass house. Eine unumstößliche Binsenweisheit? Keineswegs, denn Cassandra Steen beweist nach der Trennung von 3P eindrucksvoll das Gegenteil. Frischer als je zuvor präsentiert sich die ehemalige Glashaus-Frontfrau auf ihrem zweiten Solostreich „Darum leben wir“. Schon die gleichnamige Single machte Lust auf mehr; in der Hoffnung, dass sie kein so übliches Strohfeuer, sondern der Funke zu einem Großflächenbrand sei. Und was soll ich sagen; ich bin überrascht. Positiv, weil das Album unheimlich vielfältig, aber nicht beliebig, atmosphärisch, aber nur gaanz selten kitschig ist.

Dass mit Xavier Naidoo und Adel Tawil zwei musikalische Schwergewichte gefeatured sind, mag ein geschickt eingefädelter Kaufanreiz sein, aber letztlich stechen die entsprechenden Songs nicht sonderlich hervor – was dafür spricht, dass Cassandra Steen hier Stücke auf konstant hohem Niveau abliefert und nicht mögliche Schwächen durch populäre Gäste auszugleichen versucht.

Wer Glashaus feierte und jetzt auf eine stilistische Fortsetzung hofft, könnte enttäuscht aus der Listeningsession kommen: Musikalisch und textlich präsentiert sich Cassandra offener, stampfender, wärmer und weniger steril als zuvor – ich gewinne beinahe den Eindruck, dass sie sich aus einem Korsett gezwängt und ihre Maske abgestreift hat. Und da sage noch jemand, man solle im Glashaus nicht mit Steinen schmeißen…