Was ich an System of a down so liebe? Diese ständigen Wechsel. Es ist charakteristisch für diese Band, dass sie so mittelschnell anfängt, dann wie wild rumhämmert, bevor sie einen auf besinnlich macht – nur um dann noch härter weiterzuhämmern. Ausrasten auf Kommando. Geil. Und doch wünsche ich mir manchmal mehr dieser ruhigen Passagen, weil man währenddessen wunderbar abschalten kann.
Ein ganzes Album dieser Tonart kam heute per Post. Midlake heißt die Band, die mit “The Courage Of Others” ihren ersten Langspielertonträger seit fast vier Jahren vorlegt. Es ist kaum anzunehmen, dass der Albumtitel tatsächlich auf Bands wie System of a down gemünzt ist, obwohl: Mutiger sind sie mit ihren Tempo-wechsel-dich-Spielchen auf jeden Fall. Nein, der Titel zeigt recht deutlich, dass Understatement Trumpf ist bei der texanischen Kapelle.
Frontmann Tim Smith schwebt mit seiner Stimme über den schwergängigen und doch federleichten Arrangements, die irgendwo in die 70er Jahre gehören. Wie das klingt? Nach Lagerfeuermucke für Fortgeschrittene: Dominante Gitarren, das Schlagzeug ergänzt unauffällig, Hörner und Flöten komplettieren, während Streicher dem Ganzen noch das I-Tüpfelchen an Besinnlichkeit aufsetzen. Da werde sogar ich zum entspannten Menschen. Wenn auch nur für 45 Minuten.
Midlake – The Courage of Others Cooperative Music
29. Januar 2010
Erhältlich auf CD, Vinyl und als Download
Ich bekomme den Mund nicht mehr zu. Und nicht, weil ich derzeit als überdurchschnittlich gut gebuchte 400 EUR-Kraft im von der Finanzkrise gebeutelten horizontalen Gewerbe aushelfe, sondern weil mein hochgeschätzter Kollege Absztrakkt sein zweites Album mit dem Titel “Das Buch der drei Ringe” vorlegt. Unverhofft, still und heimlich.
Zugegeben: Rap fesselt mich seit einiger Zeit nur noch bedingt. Und ich sage das nicht – wie von manchen “Szenekennern” allgemeinhin spekuliert – weil es “cool” ist, als Rapper kein Rap zu hören, sondern weil ich mir von gleichgeschaltetem Müll nicht die Woche verderben lasse. Selbstverständlich gilt dies nicht für meinen Lieblingslüdenscheider. Und was soll ich sagen: “Das Buch der drei Ringe” ist das geilste Album seit… ich hab keine Ahnung. Wahrscheinlich seit “Dein Zeichen”.
Diese Kombination Absztrakkt / Roey Marquis, die auch dieses Album hier dominiert, ist einfach der Hammer; selten zuvor haben Rapper und Producer derart harmoniert. Lyrisch bekommt man einen fokussierten Absztrakkt, der auf 18 Tracks einen F*** auf alle denkbaren Konventionen gibt und einfach sein Ding macht. Dabei raus kommen wundervoll düstere, philosophische und vor allem ehrliche Songs, in denen er meine Erwartungen mehr als erfüllt. Was rede ich um den heißen Brei: Verdammt nochmal, DAS IST RAP!
PS.: Einen kleinen Haken hat die Sache jedoch für alle Sammler unter euch: Das Ding ist lediglich als Download erschienen.
Wie heißt es so schön: Don’t throw stones if you live in a glass house. Eine unumstößliche Binsenweisheit? Keineswegs, denn Cassandra Steen beweist nach der Trennung von 3P eindrucksvoll das Gegenteil. Frischer als je zuvor präsentiert sich die ehemalige Glashaus-Frontfrau auf ihrem zweiten Solostreich „Darum leben wir“. Schon die gleichnamige Single machte Lust auf mehr; in der Hoffnung, dass sie kein so übliches Strohfeuer, sondern der Funke zu einem Großflächenbrand sei. Und was soll ich sagen; ich bin überrascht. Positiv, weil das Album unheimlich vielfältig, aber nicht beliebig, atmosphärisch, aber nur gaanz selten kitschig ist.
Dass mit Xavier Naidoo und Adel Tawil zwei musikalische Schwergewichte gefeatured sind, mag ein geschickt eingefädelter Kaufanreiz sein, aber letztlich stechen die entsprechenden Songs nicht sonderlich hervor – was dafür spricht, dass Cassandra Steen hier Stücke auf konstant hohem Niveau abliefert und nicht mögliche Schwächen durch populäre Gäste auszugleichen versucht.
Wer Glashaus feierte und jetzt auf eine stilistische Fortsetzung hofft, könnte enttäuscht aus der Listeningsession kommen: Musikalisch und textlich präsentiert sich Cassandra offener, stampfender, wärmer und weniger steril als zuvor – ich gewinne beinahe den Eindruck, dass sie sich aus einem Korsett gezwängt und ihre Maske abgestreift hat. Und da sage noch jemand, man solle im Glashaus nicht mit Steinen schmeißen…